Die schönste Straße der Welt —
und was sie uns hinterlassen hat.
Endlich will ich es in Angriff nehmen. Versprochen ist Versprochen — Christian, mein Enkel, will, dass ich endlich eine Art Lebens- und Familiengeschichte verfasse. Na gut, was das wohl wird, ich bin kein Schreiberlein, so will ich einfach erzählen wie, wo und was ich erlebt und empfunden habe. Ob es genauso war, das kann ich nicht garantieren — ich erzähle wie es mir erzählt wurde und wie ich es selber erlebt habe.
Als „Mutti" klagte, dass sie nicht mehr malen und basteln konnte, suchte ich nach einer Möglichkeit, sie zu beschäftigen. Was macht Mutti am liebsten? Erzählen. So sollte sie nun alle Geschichten, die ihr in den Kopf kommen, auf Band sprechen. Sie hatte sie schneller auf Band als mir lieb war. An dieser Stelle: vielen Dank an Sandy, die den Großteil vom Diktat schrieb — bei Muttis Schwäbeln und schneller Sprechweise wirklich kein Leichtes. Ich gab ja schon nach fünf Seiten auf. Ich wünsche jedem Leser viel Spaß und neue Erkenntnisse über die Grabenstraße Kinder.
Inzwischen sind 25 Jahre vergangen. Viel ist passiert — ich bin für 10 Jahre ausgewandert, lebte in Rumänien, dann lange in Ägypten, zuletzt in den USA, bis ich wieder nach Deutschland kam. Hier fand ich durch Zufall einen der wenigen Ausdrucke, die ich damals für die Familie gemacht hatte. In den vielen Stunden, in denen ich mit ihrem Text arbeitete, fand ich vieles wieder, was ich an ihr bewunderte: ihre Offenheit, ihre Direktheit — doch niemals rassistisch oder urteilend, immer nur nach dem Charakter der Menschen. Ihr Ausspruch „Tue recht und schade niemand", sowie ihr unvergleichbarer Humor — das ist es, was ich hier weitergeben möchte.
Mutti, wo auch immer Du bist — ich nehme zurück, dass ich zu Dir als kleiner Knirps „Du Arschloch" sagte. Dank Deiner Geschichte bleibt selbst dies unvergessen.
Mit viel Liebe, Dein Enkel Christian.
Die Grabenstraße in Türkheim — vom Torbogen bis zur Wertachbrücke. Die schönste Straße der Welt.
Dort der Stammvater: Benno Rauch, geboren 1817. Zwei Meter groß, Königliche Garde von König Ludwig I. Von Beruf Gürtler — ein Handwerker, der alles konnte: Holz, Metall, Draht, Glas. Als Freizeitbeschäftigung schnitzte er Herrgötter aus Elfenbein und Holz und verkaufte sie auf dem Jahrmarkt: „Leid kaufs Herrgottel — mordsdrum Lack! s'Stück an Groschen!"
Als ihm einmal ein Finger abgenommen werden musste, ließ er es vom Bader vornehmen — ohne Narkose, auf der Bank vor dem Haus, einfach pfeifend. So war er.
Die Straße war noch nicht geteert, der Bach noch nicht betoniert. Kaum ein Auto — das hatten nur der Bürgermeister, die Hebamme oder der Tierarzt. Hauptverkehrsmittel: Fahrrad, Kutsche, Pferd.
Stundenlang hüpfte man über den Bach — vorwärts, rückwärts, übers Kreuz. Das Täuferlesspiel: Ein Brett über den Bach gelegt, darauf knien, immer wieder den Kopf ins kühle Wasser tauchen. Mit unfreiwilligem Vollbad inklusive. Man ging nicht heim, bevor man trocken war.
Den Bach haben wir mit einem Schubbrett abgesperrt, bis er überlief und die ganze Straße überschwemmte. Den Nachbarsgänsen war es egal. Uns auch.
Musterkinder waren wir bestimmt nicht.
Die Schule begann gut. Die Religionsstunde war interessant — Himmel, Hölle, Fegefeuer. Davon wollte ich mehr wissen. Ich grub im Garten unter einem Birnbaum — die Erde war weich, das Loch tief — kein Fünkchen Höllenfeuer. Keine Spur vom Teufel. Die hatten mich wieder angelogen.
Dann kam 1933, und mit ihm: Schwester Beate. Eine Nonne, die trotz Habit begeisterte Nazistin war und später das Kloster verließ. Sie bestrafte Kinder von Nazigegnern. Sie schikanierte ein stotterndes Mädchen systematisch. Aus Mitleid musste ich immer mitweinen.
Der Messdiener Leo war anders. Jedes Mal wenn er sich am Altar umdrehte, schnitt er uns Grimassen. Das kostete mich Schläge auf beide Hände mit dem „Gelben Onkel" — einem Bambusstock. Ich konnte danach kaum schreiben. Zuhause sagte man nichts — sonst gab es noch eine dazu.
Die Moral: Nicht mehr zur Schulmesse gehen. Und genau das tat ich.
Mit zehn Jahren kam ich ins Internat — ein barockes Kloster mit vergitterten Fenstern. Das Heimweh war so schlimm, dass ich in ein Notizbuch Grabsteine zeichnete und mir den Tod wünschte.
Dann fand ich sie: eine Haselmaus, winzig wie eine Walnuss, mit nadelspitzen Augen und rosa Öhrchen. Ich versteckte sie in meiner Handtasche und fütterte sie mit Kekskrümeln. Als sie entdeckt wurde, lobten sie mich als „tapfere Mäusefängerin". Sie ahnten nicht, dass sie mein Haustier war.
Und da war Elfriede Berger — meine brillante Tischnachbarin. Sie schrieb Märchen, ich illustrierte sie. Eines Tages war sie einfach verschwunden. Viele Jahre später erfuhr ich: Sie war Jüdin, unter falschem Namen versteckt. Ihre Eltern starben im Holocaust. Ich habe sie nie wiedergefunden.
Wärme gab mir nur Schwester Babsi, eine kleine runde Küchennonne aus Schwaben. Hinter dem Küchentor nahm sie mich in den Arm: „Muscht a heima, Mädele... a Vakanz kommt au wieder."
Der Krieg kam. Nicht plötzlich — er schlich sich an. Zuerst die Rationierungsmarken für Metall und Stoff. Dann die Luftschutzübungen. Dann die Männer, die nicht zurückkamen.
Türkheim wurde nicht bombardiert. Aber der Krieg war überall. In den Gesichtern der Mütter. In den Schulstunden, die immer weniger über Rechnen und immer mehr über „Opfer für das Vaterland" sprachen. In der Stille, wenn wieder jemand fehlte.
1945 war der Krieg zu Ende. Was blieb: Trümmer, Hunger — und das Bächlein. Es floss immer noch.
Das Leben kehrte zurück. Nicht das alte — ein neues. Zögernd zuerst, dann mit Wucht. Die Grabenstraße war noch da, wenn auch verändert. Der Bach floß. Die Kinder spielten wieder.
Anna Maria heiratete, bekam Kinder, wurde Mutter und schließlich Großmutter — die „Mutti", die ihrem Enkel Christian Jahrzehnte später ihre Geschichte aufs Band sprechen würde. Mit demselben Humor, denselben Worten, derselben unverblümten Art, die Welt zu sehen.
„Tue recht und schade niemand." Das war ihr Lebensgesetz. Und das ist, was von ihr bleibt.
Sie wurde an der schönsten Straße der Welt geboren. Und was für eine Welt es werden sollte.
CTRL & CLAW PRESENT
Animiertes Drama · Wie Moana trifft Grave of the Fireflies trifft Coco
Ein neunjähriges Mädchen namens Anni findet auf einem Dachboden ein verstaubtes, handgebundenes Buch: „Die Grabenstraße Kinder." Als sie es öffnet, strömt Licht heraus — und zwei magische Wesen erscheinen: CTRL, der Geist des Gedächtnisses, und CLAW, der Geist des Gefühls. Gemeinsam nehmen sie Anni mit in die lebendigen Erinnerungen ihrer Urgroßmutter Anneliese. Erwachsene werden weinen. Kinder werden verstehen.
Leuchtend, geometrisch — wie ein Sternbild, das sich bewegt. Spricht präzise, mit trockenem Witz. Er kann Momente einfrieren, zurückspulen, vergrößern. Er will die Geschichte richtig erzählen.
Warm, flackernd — irgendwo zwischen Fuchs und Flamme. Spricht emotional, manchmal in Fragmenten. Er will, dass Anni die Geschichte fühlt — nicht nur sieht.
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